„Variationen“
„Alles überall“
„These foolish things“
„Pollock Nr. 1“
Gedicht des Monats Dezember
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„Variationen“ zurück

Ein Auge auf. Augen auf.
Es ist dunkel. Heute wird erst spät die Sonne aufgehen.
Augen zu.
Was kommt jetzt. Zehn zwölf Stunden. Sechshundert siebenachthundert Minuten. Jeder
Tag hat den gleichen Anfang, immer gleich.
Dann gibt es ein paar Variationen: Regen. Sonne. Frühling. Wind. Kopfschmerzen.
Heiterkeit. Vorfreude. Kater. Angst. Schnee.

Ich muss aufstehen.

Ein Auge auf. Augen auf.
Morgenlicht kratzt wie Fingernägel auf einer Tafel. Ich möchte mich vor dem Geräusch
verstecken. Ich muss das aufschreiben: als Geräusch wäre der Morgen wie Fingernägel auf
einer Tafel.
Scheiß auf Vogelgezwitscher. Fingernägel.

Gestrige wiedergekäute Minuten. Abgestandene Zeit. SecondHandTage.
SecondHandStunden. Schmecken nach Schimmelpilz und Dreck, wie abgestandenes Bier.
Man bekommt den Geschmack den ganzen Tag nicht aus dem Mund.

Kenn ich schon. Ach ja. Kenn ich auch schon: das wird ein Scheißtag.
Die morgendliche Variation: Scheißtag.

Ich steige aus dem Bett, stoße gegen den Türrahmen, als würde ich meine Ausmaße nicht
kennen. Ich stolpere ins Bad. Stolpere hinaus. Der Tag ist grau. Fast beleidigt bleibt die
Sonne bleich hinter den Wolken.
Ich werde Kaffee kochen. Werde mich anziehen. Werde zu dir gehen. Zu dir.
Nein.
Warte.
Ein Auge auf. Augen auf.
Der Tag ist grau und tropft unter der Gardine her. Die ganze Fensterbank ist voll damit. Ich
steige aus dem Bett, ich zucke zusammen. Schmerzen. Ich kann gar nicht zu dir gehen.
Wir sind nicht mehr zusammen.
Wir sind kein Paar mehr.

Ich versuche, mich zu erinnern. Im Zimmer herrscht ein Zwielicht wie hinter meiner Stirn.
Etwas tut weh. Etwas schreit. Etwas schläft.
Ich wünschte, ich könnte zurück spulen.

REVERSE. STOP. PLAY: Gestern.
Die Sonne ist früh untergegangen. Ich habe gekocht. Ingwer. Chili. Reis. Etwas mit
Gemüse. Ich habe gewartet auf dich, wir waren verabredet, du bist nicht gekommen. Das
Essen wurde kalt. Ich habe dabei zugesehen. Habe in der hell erleuchteten Küche gesessen,
in weißem Licht, das eklig ist, wenn man allein drin sitzt, ich habe trotzdem da gesessen
und gewartet. Ich erinnere mich, ich musste auf die Toilette, bin aber nicht gegangen, weil
du in genau dem Moment geklingelt hättest, dann hättest du warten müssen, es hätte
ausgesehen, als würde ich mich nicht auf dich freuen, sondern etwas anderes tun, während
du draußen stehst, vielleicht frierst, klingelst, wartest.
Also bin ich sitzen geblieben.

Ich habe gewartet. Ich weiß nicht wie lang. Bis es weh tat. Dann hab ich dich angerufen.

„Was willst du noch?" hast du gefragt.
„Wo warst du?" hab ich zurück gefragt und in die Küche gestarrt.
„Wie wo war ich? Was ist los mit dir?" hast du geantwortet.

Da ist mir eingefallen, wir waren gar nicht verabredet. Auch gestern waren wir schon nicht
mehr zusammen.

Ich bin dann ohne Umwege schlafen gegangen.

Ich habe geträumt:
Wir haben uns getroffen auf einer schrecklich grünen Wiese. Über uns spannte sich ein
grellblauer Himmel, spannte sich viel zu straff, wie ein Luftballon, mit einigen hellen
Flecken, wo er gleich reißen würde. Wir sind spazieren gegangen über diese Wiese, ich
hatte ein Kleid an, blaugeblümt ohne Ärmel, und du hast geredet, geredet, hast gesagt, es
ginge nicht mehr, viel versucht, aber nein, zwischen uns, alles aus.
So etwas hast du gesagt.
Im Frühling.

Ein Auge auf. Augen auf.
Es ist dunkel. Heute wird erst spät die Sonne aufgehen.
Was zu tun. Umdrehen. Dunkel suchen.
Liegen.
Bleiben.
Mit offenen Augen ins Dunkel starren.
Das war gar kein Traum.
So war das. Das war Frühling.

Der gleiche Tag. Die Tage fangen doch immer gleich an.
Variation heute: Übelkeit über Vergeblichkeit.
Was noch. Noch mal. Noch einmal, vielmal, mehrmal, immer wieder.
Dann beginnt der Druck. Vom Kopf in den Magen. Der unaufhaltsam wie Morgenlicht
taugetränkt in mein unwilliges Hirn einzieht. Zur gleichen Zeit, gleichzeitig, gleichgültig,
dieser Druck: noch vor dem Aufstehen muss ich kotzen oder weinen.

Lieber stehe ich auf.
An solchen Tagen ist es am Besten, man bleibt Zuhause und schaut alte Videos.
An diesen Tagen hinter geschlossenen Gardinen. Ich sitze am Boden, nur 30 cm vor dem
Fernseher und schaue die alten Videos, die Videos von Früher, als ich noch ganz genau
wusste, wie weit ich ging. Wie weit ich in die Welt hineinreiche.

Spanien 85, Konfirmation, 11. Geburtstag, Abschlussball, Taufe, Ostsee 91, 3. Reitstunde,
Omas 75. Geburtstag, Einschulung, Portugal 87, Frankreich Austausch, 1.Fahrrad, Holland
92 und 93, Silvester 86

Lauter lebendige klebrige Spuren in diesen Filmen und immer lächelt dieses Kind mich an,
ich erinnere mich, lebhaft schmerzhaft freudig, erinnere mich
das bin ich das war ich da war ich noch klein passte überall durch
durch jede Tür in jeden Traum
STOP REVERSE STOP PLAY
das bin ich das war ich da war ich noch klein passte überall durch
durch jede Tür in jeden Traum
STOP REVERSE STOP PLAY
das bin ich das war ich da war ich noch klein passte überall durch
durch jede Tür in jeden Traum
Und ich lächele und weine sehe zu und schluchze bis die Sonne untergeht.
Ich liege auf dem Boden und vom Bildschirm
(PAUSE)
hinab schaut neugierig ein kleines (sehr kleines) Mädchen.
Ich erinnere mich.
Da wusste ich noch, wie weit ich gehen konnte. Ich möchte ihr gerne alles erklären, aber
ich schweige nur und schaue zurück.

Später stoße ich wieder gegen den Türrahmen. Ich stolpere ins Bad. Ich schaue in den
Spiegel. Augen zu.


Ein Auge auf. Augen auf.
Das ist nicht mein Bad. Nicht mein Spiegel. Das bin ich, im Spiegel: Haut, die sich viel zu
straff über die Knochen spannt, (mit einigen helleren Flecken, da, wo sie gleich reißen
wird) dunkle nackte Augen, überall zufällige Schatten ins Gesicht geworfen. Das bin ich,
aber das ist nicht mein Bad.

Ich stolpere hinaus. Es riecht nach Kaffee. Da stehst du und lächelst, schwenkst deine
Tasse und sagst: Morgen.
Während dir das Morgenlicht von den Schläfen tropft. Ich kann nicht glauben, wie du da
stehst. Du stehst da, als wäre nichts passiert. Als hätte ich nie daran gedacht, mich von dir
zu trennen.

Als hätte ich nie ungläubig auf diese Hand gestarrt, die da auf meinem Bein liegt bei der
Autofahrt. Diese Hand. Ich habe sie angestarrt, bis mir aufgefallen ist, was nicht stimmt:
sie berührt mich nicht. Du berührst mich nicht mehr.
Neben uns die Bäume wie Hubschraubergeräusch fliegen vorbei.
Hundertdreißig km/h.
Die taglichte Welt wird Daumenkino.
Ich dachte, es würde in Hass enden. In Abneigung. In Tränen. Aber was bleibt, ist nur
Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit.
Es ist gleich gültig:
Ob ich dich liebe oder nicht.
Ob du mich liebst oder nicht.
Nichts tut mehr weh.

Ein Auge auf. Augen auf.
Das jetzt war ein Traum. Du am Morgen in der Küche: Ein Traum. Ich träume. Ich steige
aus dem Bett. Ich pralle immer gegen Türrahmen, weil ich meine äußere Abmessung nicht
mehr kenne. Wo ich aufhöre, wo ich anfange. Meine Form in der Welt, meine Ausbreitung
im Hier, im Jetzt. Die Geometrie meines ICH. Das mag seltsam klingen, ist aber so. Wenn
man mein ICH teilt, entstehen daraus zwei vollkommene Kreise.
Makellos und sinnlos.
Stell dir das vor.

Vom Wohnzimmer in die Küche ramme ich jedes mal mit der Schulter den Rahmen.
Vielleicht mache ich es absichtlich.

Regungslos sitze ich eine Dreiviertelstunde auf der Toilette, die Unterhose um die Knöchel,
Ellbogen auf den Knien, Kopf in den Händen.
Ich tue nichts. Ich starre. In mir ist alles vergeblich, alles einsam. Ich überlege (überlege
ich?) wieder ins Bett zu gehen.
Variation heute: variationslos ins Bett zurück gegangen.

An solchen Tagen ist die Welt eine graue, zähe Masse, zu der ich nicht gehöre. Diese
Masse fließt in vorgefertigte Formen:
Stuhl. Kohlrabi. Fernseher.
Diese Masse ist die Welt.
Bäume. Vögel. Himmel.
Nur in meine Leere fließt sie nicht. Ich sitze in Einsamkeit herum und denke nichts,
bewege mich nicht, starre, ohne etwas zu sehen. Und muss dieses Loch in mir durch eine
übervolle Welt tragen. Die Welt starrt zurück und hasst mich dafür.

Ich erinnere mich, du hast mich dafür gehasst. Du wolltest mich immer ausfüllen, bis zum
letzten Winkel kennen, ausleuchten, dich in mich hineintragen, bis ich voller DU wäre.
Aber da war immer die Leere, in die du nicht gekommen bist. Du dachtest, ich mache sie
extra. Um dich zu ärgern vielleicht sogar. Dabei hätte ich (vielleicht sogar) geliebt, voller
DU zu sein.
„Ich verstehe es nicht. Ich kann damit nicht umgehen. Mach es weg." hast du gesagt und
auf einem deiner Klingeltöne herumgekaut.
„Schneid es raus." hast du gesagt.
Und als ich angefangen hab zu weinen, bist du gegangen.

Ich stolpere aus dem Bad. Ich koche Kaffee.
Ich versuche, mich zu erinnern:
Wir sind über eine schrecklich grüne Wiese gegangen. Der Himmel hat sich straff wie Haut
über uns gespannt und nahm uns die Luft. Ich hatte ein Kleid an. Ich habe geredet: es ginge
nicht mehr, viel versucht, aber nein, zwischen uns, alles aus.
So etwas habe ich gesagt.
Im Frühling.

(oder habe ich das auf einem der Videos gesehen kann ich das Bild anhalten und zurück
spulen, dann ist es von den Videos, wenn nicht, dann ist es, mit größter Wahrscheinlichkeit,
eine Erinnerung, nicht wahr?)
Ich würde dich gern anrufen und dich fragen, aber das geht ja nun nicht mehr.

Ich versuche, mich zu erinnern. Das Telefon klingelt. Ich schwenke meinen Kaffee, nehme
ab, ich sage:
„Morgen."
Du nennst deinen Namen.
Ich sage: „Was willst du noch?"
„Wo warst du?" fragst du zurück.
„Wie wo war ich? Was ist los mit dir?" antworte ich.
„Wir waren verabredet. Ich habe gekocht. Ingwer. Chili. Reis. Was du gern magst. Wo
warst du?" redest du.

Ich starre in die Küche.
Haben wir jemals Videos voneinander gemacht? Wie soll ich mich an dich erinnern, wie
deine Teile in die richtige Reihenfolge bringen?
Wie oft kann ich dich ausdenken?
Wer kann mich erinnern.
Ich starre in die Küche.
Der Kaffee in meiner Hand ist eiskalt. Es ist dunkel. Die Sonne ist heute früh
untergegangen. Ich stolpere ins Bett, stoße mich am Türrahmen, als würde ich meine
Ausmaße nicht kennen.
Augen zu.

2009 Klagenfurt Stipendium zurück




„Alles überall“ zurück

Nicht Tag nicht Nacht. Kein Wetter.
Ein grauer Gang, der von meinen Schritten widerhallt. Eine
große Halle, bis zum Rand gefüllt mit Stimmen, Stimmen,
Stimmen.

9:28 Uhr. Heathrow London. Ich lächle den Beamten an, der sich
meinen Pass ansieht. Dann lächele ich den Taxifahrer an, dann
den Portier vor dem Hotel. Die Rezeptionistin. Sogar auf
meinem Zimmer lächele ich noch. Ich gehe ins Bad, schaue in
den Spiegel, da fällt es mir auf. Ich lasse es sein und finde mich
selbst im Spiegel. Müde und.
Auf meinem Kopfkissen finde ich eine in schimmerndes Papier
gewickelte Praline. Es ist die Gleiche, die ich gestern in Rio
gegessen habe. Und letzte Woche in Los Angeles.
Ich wickele sie aus, stecke sie in den Mund und schiebe sie mit
der Zunge von rechts nach links.

Eine Minibar in London ist eine Minibar in Shanghai ist eine
Minibar in Paris ist eine Minibar in Moskau ist eine Minibar in
Tokio.

12:04 Uhr. Ich gehe die Ginza entlang.
Eineinhalb Kilometer Shopping, Entertainment, Konsum.
Spielhalle an Spielhalle, Modeboutiquen. Eineinhalb Kilometer
flimmernde flackernde Gesichter, die haushohe Reklamen
widerspiegeln. Augen groß wie Schaufenster.
Linksverkehr. Aber dies ist nicht London. Auf meiner Keycard
steht "Hilton Tokio".
Ich schaue hinauf. Ich drehe mich. Ich drehe mich, bis sich alle
Lichter drehen. Jemand stößt mich beim Vorbeilaufen an. Ich
gehe eineinhalb Kilometer zurück.

Vom Hotelzimmer aus sehe ich Lichter. Verkehr, der sich wie
ein Lavastrom durch die Stadt ergießt. Hochhäuser.
Der Himmel ist dunkel, er ist grau, schwarz, keine Sterne mehr,
aber dafür habe ich ein Navigationssystem auf meinem Handy.
Wo bin ich?

Zwölfeinhalb Jahre nördlich von Heimat und Kindheit. Bitte
stellen Sie das Rauchen ein. Wir setzen zum Landeanflug an.

Ich wache auf und weiß nicht, wo ich bin.
Ich wache auf. Ich bin.
Ich wache auf und finde mich neben einem Fremden wieder.
Ich wache auf und bin allein.
Ich wache auf und finde nicht einmal mich wieder.
Ich wache auf.
Ich wache auf.

01:56 Uhr. J.F.K. International Airport. Mit dem Taxi eine
Stunde nach Manhattan. Während wir auf der Brooklyn Bridge
im Stau stehen, checke ich meine Mails, schaue im Internet, wo
man in NewYork gut essen kann. Ich schaue Photos an von der
Brooklyn Bridge.

Die Rezeptionistinnen auf der ganzen Welt lächeln dasselbe,
große, globale Siegerlächeln. Ein Lächeln, das mir sagt, dass ich
hier willkommen bin. Ich und wir alle. Wir alle sind hier
schrecklich willkommen.
Das große Siegerlächeln.
Es begleitet mich in meine Träume.

MTV in Tokio ist MTV in Paris ist MTV in Moskau ist MTV in
Oslo ist MTV in San Francisco ist MTV in Kapstadt.

Ein grauer Gang in einem Flughafen, der von meinen Schritten
widerhallt. Nicht Tag, nicht Nacht. Kein Wetter.
Charles de Gaulle. Der Zollbeamte lächelt. Der Taxifahrer
lächelt. Draußen ein Fluss, graue Gebäude. Dreihundert
Bibliotheken, achtzig Museen. Die NotreDame vom Taxi aus.
LaDéfense, weil dort die Geschäftsessen hip sind.
Wir sprechen englisch.
Überall.

11:41 Uhr. Fiebrige Städte. Fiebrige Menschen. Fiebriges Ich.
Jeder Augenblick kontaminiert von Lauten, Lichtern, Leuten.
Obwohl ich allein bin, bin ich nie allein. SMS, Email, MMS,
ICQ, Vibrationsalarm. Ich bin immer erreichbar. Ich bin immer
da. Ich bin immer da.

Nur die Datenströme sind noch schneller als ich. Durch
Glasfaser geschickte binomische trigonomische Daten, Zahlen,
Fakten, Tabellen. Immer wissen alle schon alles, noch bevor ich
da bin. Bevor überhaupt irgend jemand da ist, sind die Zahlen
dort.
Die E-volution des WorldWideWeb ist zu Tode gelangweilt von
unserer Simplizität.

07:02 Uhr. Achtzig Museen. Es könnte Paris sein. Oder
NewYorkCity. Wenn es mehr Bibliotheken hat, ist es Paris.

Ich nehme die in schillerndes Papier gewickelte Praline und
stecke sie mir in den Mund.

Zuhause gab es Kühe am Rande der kleinen Stadt, in der ich
aufgewachsen bin. Manchmal ertappe ich mich dabei, Bilder aus
"Unsere kleine Farm" als meine eigenen Erinnerungen
auszugeben (vor allem vor mir selbst).
Die Kühe auf der Wiese sahen aus wie Pixelfehler in der
Landschaft.

Die Nationalhymne Chinas beginnt so:
"Steht auf, wir wollen keine Sklaven sein!
Die lange Mauer bauet neu aus Fleisch und Blut."
In Shanghai arbeiten 3 Millionen Bauarbeiter an 5000 neuen
Hochhäusern. 3 Millionen. Das ist fast die Hälfte der Londoner
Bevölkerung.

Sobald ich das Hotel betrete, ist es gleichgültig, in welcher
Stadt ich bin. Rote Teppiche. Etwas Goldenes. Silberne
Fahrstühle, in denen ein gesichtsloser Boy steht.
"Ich weiß du kannst mich nicht verstehen das ist auch nicht
wichtig. Du bist hier zuhause. Hier irgendwo. Mit Familie, ihr
habt ja alle Familie, nicht wahr? Vielleicht aber bist du auch ein
Student, ich weiß es nicht, ich bin ja voller Vorurteile, nicht
wahr. Aber Zuhause, ich denke in letzter Zeit oft darüber nach,
was das ist und wofür man das braucht. Ich glaube nämlich, ich
brauche das gar nicht. Zuhause. Zuhause ist da wo ich bin, weißt
du? Wo ich bin. Es gibt nur noch mich. Und wo ich bin..."
Und dann sind wir auch schon im fünfzehnten Stock
angekommen. Ernst und höflich beugt der Boy seinen Kopf nach
unten und sieht mich nicht an.
Und dieses Geräusch, wenn der Fahrstuhl hält – dieses helle
"Pling" – das ist überall das gleiche.

03:32 Uhr. Westkanada. Vancouver. Halb vier.
AM, PM? Ist es dunkel draußen und wenn, warum? Ist es
wirklich Nacht? Nebel? Smog? Halb vier.
PM. AM.
Post Mortem, Ante Mortem.

Was ist das für ein Konzept: Heimat?

Ich erkenne an der tieforangenen Haut aus Smog, die sich über
die Stadt spannt, dass ich in Shanghai bin. Sonst: der Verkehr,
der sich wie Lava durch die Stadt ergießt. Lichter,
Abermillionen Lichter. Keine Sterne.
Wo ich bin.

Ich in Moskau ist ich in Paris ist ich in Tokio ist ich in Chicago
ist ich in Bombay ist ich in Shanghai.

04:45 Uhr. Von oben sehen alle Städte gleich aus.
Sie leuchten. Sie pulsieren. Sie beben. Sie schwitzen, haben
Fieber, sind krank. Sie kotzen. Sie zittern.
Wenn man mittendrin steht, sehen die Städte gleich aus. Und sie
klingen gleich, nämlich laut. Sie brüllen und flüstern. Seufzen
und stöhnen. Sie riechen alle gleich. Krank.
Am besten, man bleibt auf den markierten Wegen. Am besten,
man bleibt im Hotel. Isst nichts, was man nicht kennt.
Es gibt überall Sushi. Überall Burger.
Überall Hummerpastete auf Weißweinschaum.
Erdbeeren zu jeder Jahreszeit.
Grünen Spargel, immer. Rindersteaks.
Überall Pommes, French Fries, Country Potatoes.

Ein Rindersteak in Rio de Janeiro ist ein Rindersteak in Bombay
ist ein Rindersteak in Brüssel ist ein Rindersteak in Chicago.

Zuhause gab es einen Bach.
La Seine, Jangtseking, Moskwa, Donau, Themse.
Irgendein Fluss ist überall.

04:25 Uhr. Rolltreppen auf Stelzen winden sich zwischen
Wohnhäusern hinauf, rote Backsteinhäuser, man nennt sie
Lilongs. Die Rolltreppen führen uns vorbei an Leinen, auf denen
Wäsche zum Trocknen hängt, und an Küchen, aus denen es nach
Blumenkohl und Zuckererbsen riecht. Die Rolltreppe führt uns
in eines der größten Einkaufszentren der Welt. Der Mann neben
mir redet; der Mann neben ihm übersetzt synchron alles auf
Englisch. Immer größer immer neuer wird alles. Immer besser
und bombastischer.
Allen geht es gut, besser, am besten. Alle werden groß, wir alle,
alle die mitmachen werden groß, größer, alle werden GOTT.
Wenn wir mitmachen. Wir sind alle herzlich willkommen.

Im sechzigsten Stockwerk sind die Schlaf-Apartments des
Wolkenkratzerblocks miteinander verbunden. Diese Gänge
heißen "walkways". Man muss für nichts mehr auf die Straße.

Nur diese Metaphern unterscheiden Großstädte voneinander. Die
Intention ist immer die gleiche.

10:08 Uhr. Umsteigen in Kobenhavn-Kastrup nach Oslo.
Nicht einmal die Währung sagt mir noch, wo ich bin. Es ist
immer die gleiche Platin-Card, immer gleich Plastik. Geld als
digitales Tauschmittel, kaum mehr als ein bloßer Gedanke.

Eine Kreditkarte in Bombay ist eine Kreditkarte in Oslo ist eine
Kreditkarte in LasVegas ist eine Kreditkarte in Moskau ist eine
Kreditkarte in Berlin.

Ein Apfelbaum blühte weiß, immer, wenn ich aus dem Fenster
meines Kinderzimmers sah. Ich blickte oft hinaus während der
Hausaufgaben und habe mich gefragt, wofür ich das wohl
brauche, später, wofür ich das alles brauche, was ich jetzt lerne.
Ich wollte die Welt sehen.

10:49 Uhr. Die Stewardess winkt mit ihren Händen Richtung
Notausgang. Niemand beachtet sie. Ihre Gesten erzählen von
Sauerstoffmasken und Abstürzen, von Notrampen, von Feuer und
davon, wie man den Kopf zwischen die Knie steckt. Sie erzählt
von Lichtern, die uns zu den Notausgängen führen.
Sie oder die Rezeptionistin oder der Boy im Fahrstuhl oder der
Taxifahrer, wer auch immer, keiner von ihnen wird mich retten
können. Keinen von uns.

Sie bringen uns auf ihren Tabletts Champagner in Dosen, wenn
wir mögen, und kleine, in schimmerndes Papier gewickelte
Pralinen.
Ich denke, sie reisen mir nach.

16:00 Uhr - Geschäftliche Ausflüge in die Parks oder UNESCO-
Weltkultur-/ -naturerbe der Länder. Im Zentrum des Zentrums
von Tokio befindet sich die alte Stadt Edo mit ihrem
zerbrechlichen Kaiserpalast. Alles wirkt unecht und schüchtern.
Diese homöopathische Dosis Natur, eine diskrete Portion
Tradition, ehe es an die Verträge geht.
Wir essen überall mit Stäbchen.
Wir trinken überall den gleichen französischen Wein.

Ich denke an Sauerstoffmasken und daran, wie ich bei einer
Besprechung unbemerkt den Kopf zwischen die Knie stecken
kann.

Ein Büro in Tokio ist ein Büro in Moskau ist ein Büro in London
ist ein Büro in Sydney

In NewYork leben 8 Millionen Menschen. In Moskau sind es
10 Millionen. In London 7 Millionen.
Man könnte sie über Nacht austauschen. Fünfundzwanzig
Millionen Menschen von einem Bett ins andere. Wahrscheinlich
wäre sogar die Uhr auf dem Nachttischchen die gleiche. Das
gleiche Hotel, das gleiche, interkontinentale Frühstück.
Orangensaft.
Rührei.
Croissant.
Erdbeermarmelade in kleinen Glasschälchen.
Cornflakes. Crunchy Nuts. Choco Crispies. Smacks. Fruit Loops.
Honney Loops. Honey Pops. Rice Crispies. Frosties. Frosties
Caramel, Frosties Zimt, Frosties Crunchy Choco, Frosties mit
wenig Zucker.

Während eine hübsche Blonde mit ihren Zeigefingern rhythmisch
den Weg Richtung Notausgang weist.

05:59 Uhr. Die Freiheitsstatue.
"Oh, say can you see, by the dawn`s early light
what so proudly we hailed at the twilight`s last gleaming?"

Ich zappe mich durch die Kanäle. Ich trinke Exportbier. Von
draußen sickert künstliches Licht zu mir herein.
Der erste Termin ist um 7:30.
Man weckt mich, holt mich ab, bringt mich hin.
Ich erfahre keinen Straßennamen, nicht den Namen eines
Stadtviertels.
Eines von zweiunddreißig, dann muss es London sein.
Eines von zwanzig, dann bin ich in Paris.
Dreiundzwanzig? Tokio.
Aber wofür muss ich das wissen?

Ein Hochhaus in Paris ist ein Hochhaus in Moskau ist ein
Hochhaus in Hongkong ist ein Hochhaus in Sydney ist ein
Hochhaus in London.

Man sagt, die Seele reist nicht so schnell wie der Körper. Das
würde uns so müde und krank machen. Vielleicht begegne ich
meiner Seele in Bombay, wenn ich noch einmal dort bin.
Vielleicht geht sie gerade durch den Zoll hinaus, wenn ich
hinein gehe.
Vielleicht aber will sie mich auch gar nicht wieder sehen.

Wir reden Englisch. Wir sind weiß, schwarz, gelb, großäugig,
schlitzäugig, langnasig, schwarz-weiß, wir tragen Chanel und
Prada und Rolex und Gaultier und USA und Demokratie.

Ich wache auf. Es ist mitten in der Nacht.
Ich wache auf. Draußen leuchten die 88 Stockwerke des Jin Mao
Tower über die Stadt.
Ich wache auf. Draußen leuchten die Houses of Parliament in
Westminster.
Ich wache auf. Es ist taghell draußen.
Ich wache auf. Es ist Neonlicht.
Ich wache auf. Ein Steward lächelt mich an.
Ich lächle zurück.

Tag oder Nacht, wie viel Uhr?
AM. PM.
Das ist übrig.

Ein grauer Gang. Eine graue Halle. Übervoll mit Stimmen. Von
den Plakaten lächeln uns die geistigen Führer des Landes an:
Mao. Lenin. Heidi Klum. Madonna. H & M.Obama. Dieter
Bohlen. Mickey Mouse. CocaCola.

"God save the Queen.
Send her victorious,
Happy and glorious,
Long to reign over us
God save the Queen."

Ich rede mit meinem Mobiltelefon, mit meinem Laptop, mit
Geschäftspartnern, die überall gleich aussehen. Ich wechsle
fertige Sätze mit Hotelangestellten, die mich anlächeln, die ich
zurück anlächle.
Ich rede nicht mehr mit echten Menschen.

Ein Gesicht in NewYork ist ein Gesicht in Hongkong ist ein
Gesicht in Berlin ist ein Gesicht in London ist ein Gesicht in
Neu-Delhi.

Ich weiß nicht mehr, ob es meine Freunde noch gibt. Ob es
meine Familie gibt. Ob es irgendjemanden gibt außer mir. Wenn
ich nicht irgendwo bin, was ist dann da? Nur meine traurige
Seele, die auf mich wartet? Ist meine Seele in schimmerndes
Papier gewickelt und wartet auf einem Kopfkissen auf mich?
Was gibt es noch außer mich?

Ich weiß, wie meine Seele aussieht:
Nicht Tag, nicht Nacht, kein Wetter.
Ein grauer Gang, der von meinen Schritten widerhallt. Eine
große Halle, bis zum Rand gefüllt mit Stimmen, Stimmen,
Stimmen.

Es macht keinen Unterschied mehr. Keine von ihnen wird mich
retten können.

Keinen von uns.

2008 Preis der Bochumer Gesellschaft für Literatur zurück




„These foolish things“ zurück

der blaue Musiker fängt an und schiebt seine Hüfte vor. Ein Lokal voll bunter
Lichter. Es ist Nacht, Herbst oder Sommer.

Handyklingeln

die letzte Bahn kommt

Autobremsen

Herzschlagen. Rauschen von Blut in den Adern. Fieber 39.5°C
Grenzen verschwimmen grenzenlos: ich bin du bist ich ich bin du wenn ich
ich habe versucht du zu sein ich zu sein nicht zu sein:
und alles war
wie sterben.

der rote Musiker blinzelt über die Bühne. Der Barkeeper lässt ein paar Gläser
fallen. Zum Spaß.
Wie Tau, denkt die Kellnerin,
Licht fängt sich wie Tau auf den Scherben.
Im Hinterhof wühlt ein Waschbär im Müll. Daneben steht eine Mutter und singt,
während sie den Kinderwagen schaukelt, singt ihrem Baby ein Schlaflied. Das
Baby weint. 39.5°C

„Morgen früh wenn Gott will wirst du wieder geweckt.“

Taube Fingerspitzen. Lege die tauben Fingerspitzen auf die Tasten des Klaviers.
Berührung Berührungen diese Linie weiße Linie einen Geldschein rollen schwarz
weiße Tasten schwarz weiße Worte und einatmen durch die Nase schwarz weißes
Lied wenn eine Taste fehlt:
sieht es aus wie eine Zahnlücke.

Milch aufschäumen

Gläser klimpern

Gespräche am Nachbartisch

der grüne Musiker hustet in sein Instrument und zieht die Schultern zurück.
Das Instrument ist mein Feind. Wir spielen nicht. Wir kämpfen.
„Ah“ sagt die Frau in dem weißen Kleid mit dem Lippenstift „das ist Poesie!“
und sie bestellt noch einen altmodischen Cocktail (Bloody Mary oder Tequilla
Sunrise, nichts Blaues auf jeden Fall)

Im abgestellten Auto das Radio und ein Stöhnen und Flüstern Zärtlichkeiten
kleine zärtliche Lügen (Du bist das Schönste, das ich kenne) er streichelt sie sie
ihn er zieht seine Socken aus sie denkt wie romantisch dann blas ich ihm auch
einen er denkt er denkt gar nichts mehr er sinkt nach hinten in die Polster schwarz
weiß schließt die Augen 39.5°C

Polizeisirenen

Schreie

eine Mülltonne fällt um

Der Waschbär rennt aufgescheucht davon seine Krallen klackern auf dem Beton
der Beton hat Risse
(der rote Musiker spielt einen langen roten Ton)
der Waschbär rennt über Bürgersteige Straßen weiße Mittellinien die er nicht
versteht der Waschbär rennt und rennt in den Wald
(der blaue Musiker greift den Ton auf und spielt weiter schließt die Augen aber
nur kurz manchmal beschimpft er das Publikum manchmal beschimpft ihn das
Publikum)
im Wald Blätter rauschen Gefieder knistert
Vögel haben eine Körpertemperatur von 42°C sie sind filigran und wenn wir
fiebern frieren sie
und sie können fliegen

Im Gang zu den Toiletten schräg gegenüber vom Zigarettenautomaten reißt ein
wütender Mann das Telefon aus der Wand. Hält den Hörer fest daran das Telefon
hängt hängt am Kabel aus der Wand, schaukelt;
in der Wand ein Loch, weiß und beleidigt, daraus hängt an einem schwarzen
Kabel ein Telefon daran hängt am Hörer ein wütender Mann,
der gar nicht mehr wütend ist. Eher hat er sogar vergessen, wütend zu sein.
Er lässt den Hörer los das Telefon fällt knallt an die Wand der Hörer liegt auf dem
Boden wie abgestorben der Mann geht zu seinem Platz.
Er schaut dem blauen Musiker zu und denkt: ich möchte das auch können.
und der blaue Musiker denkt: wenn man nur fest genug die Augen zu macht, kann
man die Sonne hören.

wenn einer fragt wer bist du sage ich
Musik
ich bin ein Schatten nur der sich für Wahrheit hält tanzend gebunden an Fäden aus
Licht ich habe versucht du zu sein –

Radio

Höhepunkte

Scheibenwischer wie ein Metronom

der grüne Musiker grinst und hebt die Hand sein Zeigefinger sagt eins noch eins
der Barkeeper nickt und tanzt die drei Schritte hinterm Tresen er wirft Eis in ein
Glas
er denkt ich würde gern meinen aggregatzustand wechseln heute mensch morgen
luft bei welcher temperatur löse ich mich auf?
er gießt goldene Flüssigkeit über das Eis er schwenkt Richtung Bühne die
Kellnerin mit dem Tablett Richtung Bühne

„Morgen früh wenn Gott will wirst du wieder geweckt.“

Das Baby schläft die Mutter weint der Tumor in ihrer Gebärmutter singt einfach
weiter ohne sie er zwinkert ihr zu mit magischer Gleichgültigkeit 39.5°C sie spürt
es sie spürt es wie eine Zahnlücke der Tumor singt ihr ein Schlaflied

„Morgen früh wenn Gott will wirst du wieder geweckt.“

der gelbe Musiker kommt endlich vom Klo diese Linie noch diese weiße Linie
macht seinen Kopf still und leer für die Musik Geldschein rollen das Leben ist
eine zu enge Jacke -
macht seinen Kopf schwarz weiß er legt seine tauben Fingerspitzen auf die Tasten
ihm ist heiß hoffentlich kein Fieber denkt er und sagt:

„Hier fehlt eine Taste.“

Im Auto zieht sie ihre Jeans wieder an er beobachtet sie trinkt Bier aus der
Flasche nimmt das Feuerzeug ein Sturmfeuerzeug die Zigaretten zündet zwei an
reicht ihr eine bei geöffnetem Fenster rauchen sie schauen hinaus auf die
Hauswand eine umgekippte Mülltonne er lächelt sie schwer verliebt an sie
liebt seine Zahnlücke

Saxophon

Klavier

Kontrabass

Eine weinende Frau schiebt ihren Kinderwagen am Auto vorbei man kann sie im
Rückspiegel sehen sie wiegt den Kinderwagen mit wiegenden weinenden
Schritten Schritt für Schritt über den Beton der Beton hat Risse
(der rote Musiker spitzt die Lippen und spielt einen langen roten Ton)

„„Morgen früh wenn Gott will wirst du wieder geweckt.“

Die weinende Frau schiebt ihr Baby über die Bürgersteige unter Laternen
hindurch soviel Licht soviel hell es brennt brennt sich in mich das Fieber leuchtet
durch meine Adern 39.5°C wer bin ich was ist von mir übrig wenn nur noch der
Tumor bleibt?
(der blaue Musiker tappt mit dem Fuß auf den Holzboden)
Frau (Tumor) und Kind kommen Zuhause an

Fernseher

Schnarchen

tropfender Wasserhahn

Irgendwo in der Stadt sitzt auf einem unlackierten Holzstuhl ein alter Mensch und
denkt darüber nach, sich das Leben zu nehmen.
Irgendwo in der Stadt sitzt auf einem unlackierten Holzstuhl ein alter Mensch und
denkt darüber nach, sich das Leben zu nehmen.

spiegel spiegel an der wand tanz tanz tanz

Der Barkeeper steigt auf einen Stuhl hebt die Arme klatscht in die Hände die
Kellnerin versucht ihn davon abzu und den Stuhl festzu die Kellnerin ist filigran
und blond und manchmal kann sie fliegen auch sie friert immer ist sie ein Vogel?
(der gelbe Musiker zwinkert ihr zu und streift die Tasten die schwarz weißen
siebenundachtzig diese weiße Linie noch diese Linie)

Rasierklinge auf Spiegel

Nase hochziehen

Toilettenspülung

Wenn jemand nicht er ein Solo spielt, tanzt der grüne Musiker. Er tanzt wie ein
betrunkener Bär und die Leute lachen über ihn aber ihm ist es bitterernst.
„Er ist so verrückt, dass er wie ein Jackett wirkt, in dem niemand steckt!“ flüstert
die Frau
in dem weißen Kleid an der Bar und nippt an ihrem Cocktail (Bloody Mary oder
Tequilla Sunrise, nichts Blaues auf )

Der Barkeeper steigt von dem Stuhl als wäre nichts gewesen er putzt ein paar
Gläser hält eines gegen das Licht streifenfrei grenzenlos beschädigte Zärtlichkeit
alles verschwimmt wer bist du ich bin ich ich bin du wenn –
in diesem Glas.

die Kellnerin darf nach Hause gehen und schläft (unruhig)
„Morgen früh“
die Mutter und das Kind schlafen
„wenn Gott will“
die Verliebten sind heimgefahren schlafen Seite an Seite
„wirst du wieder geweckt.“
der Barkeeper schließt ab geht hinauf fällt auf sein schmales Bett starrt noch an
die Decke dann schläft auch er

Vogelzwitschern

Sonnenaufgang

Ampeln

„Morgen früh“
die Musiker stehen im streifenfreien Morgenlicht (Licht fängt sich wie Tau auf
den Scherben, träumt die Kellnerin) schultern ihre Instrumente gehen

„wenn Gott will“
gehen über Beton der Beton hat Risse über Bürgersteige und Mittellinien schwarz
weiß schwarz weiß Mittellinie wenn eine fehlt –

„wirst du wieder geweckt.“

2006 Oberhausener Literaturpreis zum Thema "Jazz" zurück




„Pollock Nr. 1“ zurück

New York City, Metropolitan Museum of Art

Man müsse seine Bilder aus höchstens 20 cm Entfernung betrachten, sagte er. Bei
der räumlichen Größe seiner Bilder besteht bei Befolgung dieser Anweisung das
ganze Blickfeld aus Strichen, Klecksen, Linien, Punkten, Farben. Der gesamte
Horizont Jackson.
In den meisten Museen kann man nur auf 30-40 cm an die Bilder heran. Im Metro
in NYC könnte man das Bild berühren, wenn man wollte, keine Abgrenzung, kein
Abstandhalter hält von den Bildern fern. Und einen Meter vor Pollocks No.1 steht
eine mit grauem Filz bespannte Bank. Auf der sitze ich.
Der Raum um uns – mich und No.1 - ist weiß oder weiß-grau, so wie alle Hallen,
Tunnel, Räume und Türen hier. Seit fünf Stunden laufe ich unermüdlich von
einem Bild zum nächsten, berührte ehrfürchtig den Fuß einer Statue von Rodin,
um zu fühlen, dass sie tatsächlich aus Stein ist, staunte über Munchs Vampir und
über das Licht in Hoppers Bildern – seit fünf Stunden und habe weniger als die
Hälfte gesehen. Die letzte Stunde, ehe das Museum schließt, verbringe ich hier.
Starre unentwegt auf diesen Rausch.
Konzentration, pochender Puls, Lust, Schweiß, Erregung, kühle Distanz,
Leidenschaft und fein geformte Logik eines Menschen, der aus dieser Stadt
kommt und von dieser Stadt erzogen wurde. Wie die Straßen ein Schachfeld
bilden, versucht jeder hier, seinen König zu finden. Nicht, um ihm zu dienen,
sondern um ihn zu schlagen.
Bei Bildern dieser Größe spielt der physische Aspekt eine große Rolle. Ich muss
den Kopf bewegen, will ich es sehen. Ich muss Schritte machen, rechts, links,
zurück, vor. Von sehr weit hinten kann man No. 1 zwar in Gänze sehen, doch es
entgehen die Details – Schlangenlinien, Tropfen, Anfang und Ende einer Spur, die
Struktur der Farbe. Dieses Bild ist nicht zu begreifen. Nicht in einer Stunde. Ich
komme am nächsten Tag wieder.

Sitze einen Meter vor Pollocks No. 1. Ich höre Menschen an mir vorbeigehen,
vorbei rauschen. Höre Stimmen, Gesprächsfetzen spanisch, englisch, deutsch. Als
befände ich mich in Babylon, nach dem Zerbrechen des Turmes.
Schweigend bin ich ohne Nationalität. Ich gehe das Bild ab. Stelle mich nah, ganz
nah davor. In der Mitte. Ein Schritt rechts. Zwei Schritte links. Ein Schritt links.
Vor und zurück.
Ich tanze den Jackson.
Senke den Blick zu Boden und gehe zum rechte Rand. Schaue das Bild entlang,
wie man an einer Landschaft entlang sieht – nur senkrecht. Aus dieser Perspektive
ist hinter dem Bild, auf gleiche Linie, der Eingang zu dieser Halle. Aus dieser
Perspektive also kommen Menschen aus der Leinwand und verschwinden in ihr.
Sie nimmt sie auf, spuckt sie aus, schweigend, ohne Nationalität. Gut und böse,
kleine, große, schöne und hässliche, ganz gleich, ohne Urteil.
Ich denke an ein Zitat von Wilde: So etwas wie ein moralisches oder
unmoralisches Buch gibt es nicht. Bücher sind gut geschrieben oder schlecht
geschrieben, weiter nichts. Ich schätze, dass das für jede Kunst gilt.
Dann stelle ich mir vor, dass das Bild sie verwandelt. Eine alte Frau mit ernstem
Gesicht wird verschluckt und kommt heraus als asiatischer junger Mann in
Stoffhosen.
Ich kann nicht heraus finden, was das zu bedeuten hat: nicht jeder alte Mensch
wird jung, nicht jeder hässliche wird schön. Nicht immer wird ein Mann zur Frau
oder umgekehrt. Vielleicht hat es mit den Wünschen der Menschen zu tun, mit
ihren innersten Hoffnungen und Ängsten. Sie filtern sich durch das abstrakte
Gitter des Bildes. Werden aufgelöst und neu zusammen gesetzt. Ich finde es nicht
heraus. Ich komme am nächsten Tag wieder.

Jackson war oft betrunken. Jackson wollte keine Kinder. Er hat geliebt, geflucht;
er hat betrogen und wurde betrogen. Er starb bei einem Autounfall. Jackson hat
sein Leben gelassen. In diesem Bild..
Es ist ein Abschiedsbrief. Ich kann ihn entziffern. Ein paar Buchstaben kann ich
erkennen. Hieroglyphen. Symbole. Times New Roman, Courier, Handschrift, die
einer alten Adler-Schreibmaschine. Dann verschwimmt alles und wird zu einer
zitternden Hand. Diese Hand wirft einen Schatten, der sieht aus wie die Sonne.
Ich erkenne, dass ich diese Sonne bin. Ich muss weinen und komme erst am
nächsten Tag wieder.

Ich bringe mir ein Buch mit. Es sind Gedichte von Rimbaud. Alle seine Gedichte
habe ich mehrmals gelesen. Ich will wissen, ob No. 1 mein Verständnis der Texte
beeinflusst, ändert. Ich lese den ganzen Tag auf der Bank vor dem Bild, doch
nichts passiert, es ändert sich nichts, nicht ein Gedankengang wird zersprengt und
neu zusammen gesetzt. Mein Hoffen auf Erlösung ist umsonst.
Heute also durfte das Bild mich betrachten und sich fragen, was ich zu bedeuten
habe. All die Linien und sinnlosen Kleckse. Wir sind beide abstrakt, formlos,
unergründlich. Wir sind beide „ZweiterBlick-Geschöpfe". Menschen ohne Gefühl
oder Willen zum Verständnis tun uns als Unsinn ab. Ich muss unbedingt wieder
kommen.
Dort oben links, drei Handbreit entfernt vom Rand, ist ein Portrait meiner Mutter.
Sehr weit unten ist mein Lieblingskletterbaum aus der Kindheit, wie er im
Frühling aussah. Ich entdecke das Muster der Tapete in meiner ersten Wohnung
und die Hände des Jungen, mit dem ich mein erstes Mal erlebte. Ich sehe ein
halbvolles Bierglas, meinen letzten Motorroller (eine Vespa PX 50, Baujahr 87)
und ein Stofftier, das ich immer wenig beachtet habe. Ich sehe meinen ersten
Urlaub am Meer.
Ich sehe Zeit, die ich in Warteschlangen verbracht habe. Gespräche, die ich nicht
geführt habe, und Gedanken, die man mir nicht mitgeteilt hat. Ich sehe eine
Kreidezeichnung, die ich mit 6 auf dem Hof hinter unserem Haus gemacht habe.
Dann, nur ein kurzes Aufflattern, Vorüberziehen, ein Transit lang, sehe ich mich
heute, jetzt, von außen vor diesem Bild stehen.
Danach sehe ich zukünftige Dinge – die Zöpfe und Augenbrauen meiner Kinder,
das Auto des Mannes, mit dem ich mein Leben verbringe. Ich sehe Trauer,
Lachen, Feuer, Weihnachtsbäume. Ich entdecke meine Falten und mein graues
Haar, sehe mich lächeln über die Flecken auf meinen Händen. Ich sehe Tod,
Abschiede, Flüsse und Lieder.
Nach für mich unzählbarer Zeit hört es auf. Hört es auf und das Bild ist wieder nur
ein Gemälde. Linien, klare Striche, Kleckse, Formen, die Struktur von Farbe und
Leinwand.
Ich muss lachen. Mir bleibt einfach nichts anderes übrig. Erst sehr laut, bis ich
mich erinnere in einem Museum zu sein. Den ganzen Heimweg über muss ich
kichern. Wie in heiterer Verzweiflung, ich fühle mich ein wenig wie Zarathustra
auf seinem Berg. Ich freue mich über dieses Gefühl. In der Underground-Bahn
beachtet man mich nicht – auch, als ich beim Blick in die spiegelnde Scheibe
gegenüber noch einmal laut loslache.

2004 Dortmunder LesArtPreis zurück




Gedicht des Monats Dezember zurück

konserviert

am ende des tages nicht
zu unterscheiden ob die gleiche geste
noch einmal oder immer noch
in erschöpfender langsamkeit
ausgeführt -

am ende des tages die
haltung bewahrt, konserviert
wie zu beginn in
öffentlichen räumen
herum

stehen da alle zeit
unverändert tastet der blick
die gleiche richtung:
konturen umrisse peripherien
variablen ungerade oder gerade noch;
vielleicht dass einmal sehr kurz nur
der wunsch nach bewegung sich regte
seufzte und verging.
ein ding wie ein wind, nicht fähig
eine haarsträhne zu rühren.

und stehen
aufgezehrt von allem zuvielen
das sich um uns in
bewegung setzt.




Lebenslauf zurück

2010 Stadtschreiberin Otterndorf, Stipendium „Gartenhaus am Süderwall"
2010 Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Autorenwerkstatt in die Villa La Collina
2010 Veröffentlichung in der Lyrikanthologie „Stimmenwechsel", Literaturbüro Gladbeck, Klartext Verlag
2010 Teilnehmerin am Konzertprojekt „Überm Sternenzelt": Lesungen in Istanbul und im Ruhrgebiet
2009 Stipendiatin des 13. Klagenfurter Literaturkurses im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur
2009 Veröffentlichung in der Anthologie „Sie schreiben in der Metropole Ruhr", Klartext-Verlag
2008 Erster Platz beim Schreib- und Lesewettbewerbs der Bochumer Gesellschaft für Literatur
2008 Veröffentlichung im Literaturmagazin „Macondo"
2007 Veröffentlichung in der Anthologie „versnetze", Verlag Ralf Liebe, und im Literaturmagazin „Macondo"; Lesungen in Recklinghausen, Hannover, Dortmund
2006 Erster Platz beim 4. Oberhausener Literaturpreis zum Thema „Jazz"
2006 Gewinnerin Bad Zwischenahner Lyrikpreis „Das Goldene Segel"
2006 Veröffentlichung über den Maler Jackson Pollock in der Tageszeitung „Junge Welt", Berlin, regelmäßig Veröffentlichungen im Magazin „jugendstil"
2005 Veröffentlichung in der österreichischen Literaturzeitschrift „@cetera"; Teilnahme am Kunstprojekt „kunsthorten" und dem „LesArt-Festival"
2004 Gewinnerin Dortmunder „LesArt-Preis für junge Autoren"
2001 mehrmonatiger Aufenthalt in NYC, Lesungen in der St. Marks Church
1999 mehrmonatiger Aufenthalt in Vancouver, BC
1998 Teilnahme am „Kunstsommer Arnsberg"
1997 Erster Platz Dortmunder Literatur-Nachwuchspreis, erste Veröffentlichung in der begleitenden Anthologie




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